„Simultanmusik“

Wenn etwas die Zeit der Pandemie bisweilen bis zur Unerträglichkeit geprägt hat, dann wohl die ständige Koexistenz mehrerer Wahrheiten, mehrerer Lebensrealitäten und Schicksale, die einander nicht nur ergänzten, sondern mitunter widersprachen, sich sogar gegenseitig aufzuheben schienen. Für die einen bedeutete die Pandemie die konkrete Bedrohung ihrer Existenz, für andere war sie ein Segen der Entschleunigung; sie war sowohl lebensrettend als auch tödlich; eine Belebung des politischen Diskurses und ein Brennglas, unter dem sich soziale Probleme ungeschönt schärften. Der Komponist Maximilian Schnaus erschafft in seinem Werk „Simultanmusik“ eine Analogie auf diese Gleichzeitigkeit, auf den Klang der Pandemie: Aus anfänglich nur zwei Halbtönen erwächst eine Vielfalt aus parallel erklingenden Stücken – als stünde man auf einem Festival zwischen vier Bühnen gleichzeitig und sei dennoch in der Lage, allem Geschehen zumindest ungefähr zu folgen. Neun feststehende Registrierungen gehen mitunter virtuos fließend während nur einer einzigen Phrase ineinander über und wechseln einander ab, dass je nach Instrument und Raum, je nach Organist/in und Registrant/in tatsächlich mehrere Werke zugleich zu erklingen scheinen. „Seit ihrer frühesten Entwicklung wohnt der Polyphonie die Idee der Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichem inne“, sagt Schnaus zu seiner Komposition. „Die Polyphonie der Simultanmusik bezieht sich nicht auf einzelne Stimmen oder Linien, sondern auf gleichzeitig ablaufende, unterschiedliche Musikstücke, in Schichten hintereinander angeordnet auf einen Fluchtpunkt hin.“

Hannah Schmidt

Maximilian Schnaus

Der 1986 im unterfränkischen Bad Neustadt an der Saale geborene Komponist und Organist Maximilian Schnaus studierte Kirchenmusik und Orgel in Hannover und Amsterdam, bevor er sein Studium an der Universität der Künste in Berlin fortsetzte . Während seines Studiums gewann er den Paul-Hindemith-Preis des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Es folgten 2015 der 1. Preis des internationalen Orgelwettbewerbs am Berner Münster sowie 2016 der von der Stiftung Kunst und Musik für Dresden erstmals vergebene Preis für ein Artist-in-Residence-Stipendium im Bereich Komposition. Aktuell ist er als Organist an der Sophienkirche Berlin tätig.