„Nach der Apokalyptik – Toccata & Vision“

„Apokalypse“ bedeutet im griechischen Wortlaut „Entschleierung“ und wurde im Christentum als „Offenbarung“ übersetzt. „Über den biblischen Ursprung hinaus“, so führt Enjott Schneider die Programmatik seiner Orgelmusik in Zeiten von Corona aus, „meint ‚Apokalyptik‘: Weltuntergangs-Prophetie“. Tatsächlich sind bis dato im Bereich der Fiktion angesiedelte Endzeitszenarien in der Pandemie zu Fakten geworden. Dies reflektiert der Münchner Komponist in zwei ausdrucks- und aussagestarken Werkteilen: „Die dämonische ‚Toccata‘ mit dem ‚Dies Irae‘ kann zum Eingang, die ‚Vision‘ als meditative Musik gespielt werden.“ Bebend von furiosem Zorn fegen eingangs „Die apokalyptischen Reiter“ in dissonanten und gegenläufigen Sprüngen durch die Partitur und repräsentieren damit den ‚coronalen‘ Ausnahmezustand, der „menschliches Miteinander auf unvorstellbar gehaltene Weise lahmlegt“. Die Utopie eines besseren Morgen lässt Schneider mit dem „Wasser des Lebens“ metaphorisch zu Klang kommen: ruhig und bedächtig lösen sich Ängste und Sorgen im Fluss der musikalischen Zeit auf und erblühen nach kurzem Zögern Harmonien in leuchtenden Farben. Kurz vor Schluss belebt sich die Szenerie in übermütig trillernden Accelerandi, bevor das Werk in einem majestätischen Finale mündet, in dem eine höhere Macht den kleinen Menschen zu signalisieren scheint: Es ist doch noch nicht aller Tage Abend.

Dr. Anna Schürmer

Enjott Schneider

Der promovierte Musikwissenschaftler, Musiker und Germanist Enjott Schneider, geboren 1950 in Weil am Rhein, lehrte von 1979 bis 2012 als Professor an der Hochschule für Musik und Theater München u.a. kirchenmusikalische Komposition. Neben acht Opern verfasste er zahlreiche Orchester- und Kammermusikwerke, geistliche Musik mit oratorischen Werken, Orgelkonzerte und 16 Orgelsinfonien sowie über 500 Filmmusiken. Enjott Schneider erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den Bayerischen Filmpreis für Filmmusik, einen Emmy-Award und den Deutschen Fernsehpreis. Für sein Lebenswerk wurde er 2015 von „Soundtrack Cologne“ und 2019 mit dem Deutschen Filmmusikpreis ausgezeichnet. In seinem vielseitigen Schaffen verbindet Schneider oft Gegensätzliches in kreativer Symbiose. Seine kompositorische Arbeit steht auch in enger Verbindung mit einer intensiven schriftstellerischen Reflexion.