„im Donner der Zeit“

„Was also ist ‚Zeit‘? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fremden erklären, weiß ich es nicht.“: Dieses offene Sinnieren des großen römischen Denkers Augustinus aus seinen „Confessiones XI, 14“ stellt Dorothea Hofmann ihrer Orgelkomposition „im Donner der Zeit“ als Denkimpuls an die Seite. „Die Zeit rennt, ja sie rast – und dann wieder bleibt sie stehen und die Sekunden verrinnen kaum wahrnehmbar wie einzelne Tropfen aus zähem Pech“, reflektiert die Pianistin, Komponistin und Musikwissenschaftlerin über die Prinzipien von Stillstand und Bewegung, die das Leben in immer neuen Konstellationen bestimmen. „Zeit kann man gewinnen und Zeit kann man verlieren – man kann sie stehlen, doch man kann sie auch verschenken. Aber man kann sie nicht fassen, man kann sie nicht anhalten: Alles fließt und die Unabwendbarkeit dieses Fließens ist das, was Leben ausmacht. Zeit kann man nicht halten, nicht schmecken, nicht riechen, nicht sehen. Doch gerade dann, wenn sie stehenzubleiben scheint, wenn die Minuten zu Stunden werden, wenn es keine Bewegung mehr zu geben scheint, sondern nur noch Stillstand – dann ist er zu hören: der raumgreifende, tosende ohrenbetäubende, erschreckende Donner der Zeit.“ Nicht nur das Leben ist geprägt von den immer neuen Konstellationen dieser beiden energetischen Formen von Stillstand und Bewegung, sondern auch die Musik als Kunstform, die sich in Zeit entfaltet. Hofmanns Komposition durchwandert die Aggregatszustände der Zeit und erkundet dabei mit kreativen Mitteln ihre Dimensionen, etwa wenn flächige Liegetöne mit blitzartigen, „grell aufflackernden“ Einwürfen kollidieren, Tontrauben in Clustern sich zusammen drängen oder aber musikalische Pattern ihre unablässigen Kreise drehen und dabei eine fast tranceartige Zeitlosigkeit zelebrieren.

Dr. Anna Vogt

Dorothea Hofmann

Die Werke der Pianistin, Komponistin und Musikwissenschaftlerin Dorothea Hofmann, 1961 in Bamberg geboren, wurden bereits u.a. in Australien, Brasilien, Südkorea und Japan aufgeführt. Ihr umfangreiches Repertoire umfasst Orchesterwerke und Kammermusik ebenso wie Lieder, Chor- und Solowerke. Hofmann wurde 1993 beim internationalen Gaudeamus-Interpreten-Wettbewerb Rotterdam im Fach Klavier ausgezeichnet und erhielt 2007 als Komponistin das Künstler-Stipendium Palazzo Barbarigo della Terrazza in Venedig. Sie studierte Chorleitung, Klavier, Philosophie und Musikwissenschaft in München, Salzburg und Augsburg und lehrt heute als Professorin für Musikwissenschaft und Musiksoziologie an der Hochschule für Musik und Theater München.